Am "Otto Wagner Areal"

Der Pavillon 21 steht auf dem Gelände des heutigen Otto-Wagner-Areals, einem Ort, an dem während des Nationalsozialismus schwere Gewalt- und Vernichtungsverbrechen begangen wurden. Hier befand sich die Heil- und Pflegeanstalt "Am Steinhof", die im Rahmen der "Aktion T4" und der Kinder-"Euthanasie" am Spiegelgrund zum Ort systematischer Entrechtung, Misshandlung und Ermordung von Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen wurde. Für diesen Pavillon ist bislang nicht abschließend geklärt, welche konkreten Verbrechen hier stattgefunden haben. Als Kollektiv Kaorle sehen wir unsere kulturelle Nutzung des Pavillon 21 untrennbar mit dieser Geschichte verbunden. Die bewusste Auseinandersetzung mit dem Ort ist Teil unseres Jahresthemas und stellt einen kontinuierlichen Arbeitsprozess dar, der bereits in konkreten künstlerischen Projekten, kollektiver Recherche, ersten Vernetzungen und geplanten Kooperationen Ausdruck findet. Erinnerung verstehen wir als aktive Haltung, „Nie wieder" als gemeinsame, fortlaufende Aufgabe: es ist unser aller Verantwortung, historische Gewalt differenziert zu benennen, Verbrechen und Opfergruppen nicht zu vermischen und die Grenzen unseres derzeitigen Wissens anzuerkennen und zu schließen. Pavillon 21 soll ein offener Raum für diese Auseinandersetzung sein und in diesem Sinne laden wir alle ein, die Wissen teilen oder sich aktiv an diesem Prozess beteiligen möchten, mit uns in Kontakt zu treten.
Wer Geschichte erzählt und damit deutet, hat Macht. Chimamanda Ngozi Adichie thematisierte in ihrem bekannten Vortrag „The Danger of a Single Story" die Machtdimension des Geschichtenerzählens. Walter Benjamin schrieb in ähnlichem Sinne über Geschichte als etwas, das immer von den Sieger:innen erzählt wird. Michel Foucault hat in seinen Analysen zu Macht und Wissen vielfach gezeigt, wie eng Wissensproduktion – also auch das Erzählen und Deuten von Geschichte – mit Machtstrukturen verknüpft ist.
Nach mehreren Bürger:inneninitiativen und dem Beschluss, das Areal Kunst, Kultur und Bildung zu widmen, stehen Teile des Areals immer noch vor der Frage ihrer zukünftigen Nutzung. Es gibt kritische Stimmen die von “art washing” sprechen um das Image des Areals zu polieren und die Neuentwicklung zu legitimieren, davon, dass Künstler:innen als "Aufwertungspionier:innen" instrumentalisiert werden, dass sie, wie der Esel der Karotte, den temporären Nutzungsangeboten folgen müssen, weil sie sich die regulären Mieten nicht leisten können. Auch wird von der Möglichkeit gesprochen und Verantwortung, Beteiligungsräume zu schaffen, marginalisierte Perspektiven sichtbar zu machen und Wissen zu bewahren. Hier liegt vielleicht die tragische Hoffnung des Kulturmenschen – dass in einer bewussten Auseinandersetzung, in diesem permanenten Ringen mit der Geschichte des Ortes, sich etwas ereignen könnte, was über bloße Erinnerungsroutine hinausgeht. Das mehr wird als das Erinnern an Fakten in ein Museum mit fixen Öffnungszeiten. Dass Räume, diese niemals neutralen Räume, die Geschichte in sich tragen und Handlungen prägen, verwandelt werden könnten in Orte des Lernens, des Gedenkens, der Auseinandersetzung mit dem, was Rassismus, Diskriminierung, Antisemitismus, die Kategorisierung von Leben als "lebensunwert" bedeutet, damals wie heute.
Geschichte – Anfänge
Die 1907 eröffnete Anlage – im Pavillonsystem entworfen, zur stationären Pflege und Heilung psychisch Erkrankter gedacht – war die größte und modernste Europas. Sie war das Resultat einer systematischen Optimierung des Krankenhausbaus innerhalb der k. u. k. Monarchie, einer innovativen Zusammenarbeit zwischen Mediziner:innen, Anstaltsdirektor:innen, Verwaltungsbeamt:innen, Techniker:innen und Architekt:innen. Diese Kooperation, gefördert durch die Politik der Kronländer, erstaunt noch heute.
Geschichte – NS-Verbrechen
Zwischen 1938 und 1945 machten die Nationalsozialist:innen das Areal zu einem zentralen Schauplatz dessen, was sie zynischerweise „Gesundheitspolitik" nannten. Im Rahmen der „Aktion T4" wurden über 3.200 Patient:innen nach Schloss Hartheim deportiert und dort ermordet. In Hartheim testeten die Nationalsozialist:innen Methoden die später auch in der „Aktion Reinhard" in den Vernichtungslagern zum Einsatz kamen.
Ab 1940 befand sich in den Pavillons 15 und 17 eine sogenannte „Kinderfachabteilung", in der rund 800 Kinder mit Behinderungen gezielt getötet wurden. An diesen Morden war unter anderem Heinrich Gross beteiligt, jener Mann, der nach dem Krieg unbehelligt als Gerichtsgutachter weiter praktizieren durfte – eine Tatsache, die das Unerträgliche dieser Geschichte ausmacht: nicht nur, dass es geschah, sondern dass die Täter:innen weitermachten, als wäre nichts gewesen.
Auch nach dem offiziellen Ende der „Aktion T4" starben weitere 3.500 Menschen an Hunger, Vernachlässigung und fehlender medizinischer Versorgung. Insgesamt wurden mindestens 7.500 Patient:innen vom medizinischen Personal ermordet. Die Überreste vieler Opfer wurden noch jahrzehntelang für Forschungszwecke missbraucht.
Orte des Erinnerns
Am Areal selbst erinnern verschiedene Orte und Initiativen an die NS-Verbrechen: das Mahnmal vor dem Theater, der Gedenkstein unter der Kirche, die Dauerausstellung zur NS-Medizin. Wege und Straßen tragen heute die Namen von Danneberg-Löw, Scholda, Votypka, Wödl und Zawrel – Biografien der Widerständigen, die von nationalsozialistischer Verfolgung und den beschwerlichen Wegen des Widerstands erzählen. Wir ermutigen alle, sich mit dieser Geschichte zu befassen.
Rassismus als gesellschaftliches Grundmuster
Die NS-Verbrechen am Otto-Wagner-Areal waren kein isoliertes Phänomen einzelner Täter:innen, sondern eingebettet in einen gesamtgesellschaftlichen Resonanzraum. Rassistische Grundvorstellungen wurden institutionell festgeschrieben, ganze Gruppen von Menschen anhand zugeschriebener Eigenschaften kategorisiert und kriminalisiert. Diese Mechanismen wirken bis heute fort: in Form von Ignoranz der Dominanzgesellschaft gegenüber den Stimmen Betroffener, in Gleichgültigkeit und rassistisch motiviertem Misstrauen. Aus den NS-Verbrechen zu lernen bedeutet daher mehr als Erinnerung an Fakten. Es bedeutet:
-
Beteiligungsräume zu schaffen und Allianzen zu stärken
-
Marginalisierte Perspektiven mit Kunst und Wissenschaft sichtbar zu machen
-
Aufzuklären und Wissen zu vermitteln
-
Forschung zu fördern und neues Wissen zu bewahren
Unsere Mitglieder haben – und das sei hier ausdrücklich betont, denn es ist nicht auf Anordnung passiert, sondern aus eigenem Antrieb – eigens eine Gruppe gegründet, in der sich mit der Geschichte des Ortes auseinandergesetzt wird.
Einige der bereits anlaufenden Projekte:
Kaorle Briefe
Unsere Kaorle Briefe begleiten diesen Prozess 2026 redaktionell. In sechs vertiefenden Textbeiträgen setzen wir uns mit dem Areal auseinander, erschließen historische wie aktuelle Perspektiven und machen die Recherchearbeit – die ja eigentlich niemals abgeschlossen sein kann – laufend auf unserer Website sichtbar.
Handapparat
Der Handapparat – eine beinahe aus der Zeit gefallene Institution – entsteht derzeit bei uns im Haus. Schon jetzt können wir erste Bücher zur Verfügung stellen, die mit dem Areal in Verbindung stehen:
-
Caroline Jäger-Klein, Sabine Plakolm-Forsthuber: „Die Stadt außerhalb"
-
Brigitte Schwaiger, Andrea Winkler: „Fallen lassen"
-
Thomas Bernhard: „Wittgensteins Neffe. Eine Freundschaft"
-
Edith Sheffer: „Asperger's Children"
Residency für das Projekt Nachhall
Dem Projekt Nachhall wird eine Residency zur Verfügung gestellt, damit Recherchen und Arbeiten vor Ort gebündelt werden können. Es handelt sich um einen Audio-Guide, der unterdrückte Geschichten des ehemaligen psychiatrischen Krankenhauses hörbar macht und sie mit jener Architektur verbindet, die noch immer steht, die noch immer Zeugnis ablegt. Da das Gelände gegenwärtig zu einem multifunktionalen Komplex transformiert wird, richtet sich der Audio-Guide an alle zukünftigen Nutzer:innen. Er öffnet Räume für Reflexion und ermöglicht jene bewusste Auseinandersetzung mit dem Erbe des Otto-Wagner-Areals, ohne die jede Nutzung dieses Ortes zur Farce würde.
Unsere Verantwortung
Räume – verzeiht diese Binsenweisheit, die eben doch eine ist, die nicht oft genug wiederholt werden kann – sind niemals neutral. Sie tragen Geschichte in sich, prägen Handlungen und verlangen von uns – das ist der moralische Imperativ, dem wir nicht ausweichen können – Sorgfalt.
An einem solchen Ort zu arbeiten, einem Ort, an dem Schönheit und Grauen eine derart unheilvolle Verbindung eingegangen sind, bedeutet mehr als bloße Raumnutzung. Es bedeutet Reflexion, Bewusstsein und – das klingt vielleicht altmodisch, ist aber unerlässlich – eine klare Haltung. Diese Geschichte, die Geschichte der siebentausendfünfhundert Ermordeten, ist untrennbar mit dem Ort verbunden, eingeschrieben in die Jugendstil-Fassaden, in die Pavillons, in die Wege zwischen den Gebäuden.
Gedenken, und das sei hier mit Nachdruck gesagt, darf nicht auf Anlässe reduziert werden, nicht zu einer ritualisierten Routine verkommen, die zweimal im Jahr stattfindet und ansonsten niemanden beunruhigt. Es muss laufend geschehen, im Alltag, in der Nutzung, in der bewussten Auseinandersetzung.
Wir möchten daher alle, die uns besuchen – und vor allem jene, die vielleicht noch gar nicht wissen, welche Last dieser Ort trägt – ermutigen, sich näher mit dem Austragungsort und dessen nationalsozialistischer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Denn nur in diesem Wissen, in dieser schmerzhaften Bewusstheit, liegt die Möglichkeit einer Verwandlung, die den Namen verdient.
