Kaorle Figur

Ein Spaziergang durch die Modellwerkstatt am Steinhof mit Robert

Paulina Sycha · 2026-09-28

Donnerstag  10.09.2026

9:30 Uhr

Das ist ein Spaziergang durch die Modellwerkstatt am Steinhof mit Robert.

Der Weg beginnt im Garten.

Es ist Donnerstagmorgen und ich bin mit Robert Hutfless am Pavillon 12 auf dem Otto Wagner Areal verabredet. Dieser Pavillon ist bereits der 5. auf dem Gelände, in dem der Verein „Modellwerkstatt Am Steinhof“ seit 35 Jahren arbeitet. Ich stehe im ersten Stock, höre die Schleifmaschine aus der Werkstatt und suche nach Robert. Er ist im Garten. 

Die Modellwerkstatt ist ein Arbeitsprojekt, bei dem Menschen mit Suchtproblemen als Projektteilnehmer*innen arbeiten können. Durch handwerkliche Beschäftigung entstehen eine stützende Tagesstruktur und Gemeinschaft. Die Werkstatt ist vieles und vor allem flexibel, die Räume ändern sich oft. Kann jemand gut nähen, entsteht eine Nähwerkstatt. Kriegt der Verein 20 Computer geschenkt, reparieren alle zusammen Computer. Es gibt kaum etwas, das sie nicht machen würden, erklärt mir Robert.  Alle Teilnehmer*innen bringen ihre Erfahrungen, Interessen und ihr Vorwissen ein, um den Ort zu dem zu machen, was er in genau diesem Moment ist. Nichts ist statisch und viel ist möglich. 

Gerade gibt es eine Holzwerkstatt für Modellbau und Restauration, eine Textilwerkstatt, eine Küche, den Garten. Es wird mit Ton, Glas und Kunststoff gearbeitet. Alle lernen von allen. In der Modellwerkstatt wird Ausrangiertes, Kaputtgegangenes und Vergessenes nach alten Handwerkstechniken repariert, restauriert und versorgt. 

Begonnen hat die Arbeit mit der Restauration von Modellen, die noch vor dem Zweiten Weltkrieg von Patient*innen in der „Niederösterreichischen Landes-Heil- und Pflegeanstalten für Geistes- und Nervenkranke am Steinhof“ gebaut worden sind. Es sind maßstabsgetreue Modelle verschiedener Wiener Architekturen, teilweise Gebäude des Areals, das Jugendstiltheater, die Otto-Wagner-Kirche, aber auch ein Modell des Prater-Riesenrads. Heute stehen diese Modelle in perfekt restauriertem Zustand in den Räumen der Modellwerkstatt im Pavillon 12. Mehr als 100 Jahre später reisen sie um die Welt, waren schon in New York, in London und erzählen in verschiedenen Ausstellungen von der verwobenen Geschichte des Areals, seiner Patient*innen, Opfer und Bewohner*innen. 

Mit einer umfassenden Reform im Jahr 1979 wurden die Wiener Psychiatrien grundlegend umstrukturiert, von der „verwahrenden zur behandelnden Psychiatrie“. In der Umsetzung bedeutete das: eine rehabilitative Betreuung, eine Regionalisierung der psychiatrischen Versorgung, also die Verteilung mehrerer kleinerer Einheiten im Stadtgebiet, nahe des Wohnorts, statt eines Gesamtareals am Rande der Stadt, weniger stationäre Langzeittherapien, mehr Ambulanzen. Robert, damals Mitarbeiter des Psychiatrischen Krankenhauses Baumgartner Höhe, initiierte die Modelwerkstatt, um eine mögliche Lücke in der Betreuung zu füllen. In Zusammenarbeit mit dem Suchtzentrum gründete er den Verein als Werkstatt und Tagesstruktur. Das Krankenhaus ist schon Jahre nicht mehr auf dem Gelände, seit 2023 heißt es „Otto Wagner Areal“. Alles ist im Umbau, es gibt große Entwicklungspläne, neue Nachbar*innen, Museen, Ateliers, Kulturverein, und in der Werkstatt im Pavillon 12 läuft noch immer die Schleifmaschine. 

Derzeit sind es 5 bis 6 Personen, die an mehreren Tagen in der Woche in den Werkstätten arbeiten, 13 bis 14 sind es im Stand. Früher waren es mehr, aber eine starke Fluktuation gäbe es keine – wenn Leute kommen, bleiben sie meistens sehr lange, erklärt mir Robert. 

Wir laufen durch den Keller, in eines der vielen Lager. Es türmen sich die unterschiedlichsten Objekte aufeinander: Alte Holzkästen, Stühle, Bänke, ein Schlitten, Regale voll mit leeren Apothekerflaschen, alte Pferdefüße – „Wir sammeln wirklich einfach alles“, sagt Robert. Durch die Beständigkeit der Modellwerkstatt am Areal und die dadurch langjährigen Kontakte von Robert ist allen bekannt, dass sich der Verein für die Geschichte des Ortes und die der Menschen, die dort lebten und arbeiteten, interessiert. Wenn ein Pavillon auf dem Gelände geräumt wird, ist die Modellwerkstatt informiert und sammelt ein, was sonst vergessen wäre, vom Möbelstück zum Krankenhaushemd. 

Jetzt zum ersten Mal kommt mir der Ausstellungskatalog „Der Trost der Dinge“ von Orhan Pamuk in den Sinn, der zuhause in meinem Bücherregal steht; an dessen Einleitung denke ich häufig.

Pamuk schreibt über das „Museum der Unschuld“ und Museen, die nicht versuchen, eine Historie der Menschheit zu erzählen, sondern die Geschichten der Individuen. Er formuliert ein „Bescheidenes Museumsmanifest“. Später muss ich nachsehen.

Weiter durch den kleineren Lagerraum, hinter der Feuerschutztür, vorbei an ausrangierten Gemälden der Wiener Stadt-Direktionen, Lampen, Holzmöbeln, einem alten Projektor vom AKH und einem Röntgen-Betrachtungsgerät mit 400–500-Watt-Lampen. Zu jedem dieser Objekte gibt es eine Geschichte und Robert kann sie alle erzählen. Im Pavillon 12 stapelt sich die Geschichte des Areals in den Regalen. 

Wir laufen hoch in den ersten Stock, vorbei an der Küche, aus der es nach Marmelade riecht. Roberts Kollegin Susanne Matula hat Hollerbeeren gesammelt. Sie arbeitet als Psychologin im Verein.

Der Gang im ersten Stock sieht aus wie ein Gewächshaus, eine große Zimmerpflanze neben der anderen - „Wir nehmen auch Pflanzen auf, die wachsen hier wie wahnsinnig“, erwähnt Robert im Vorbeigehen. Wir spazieren weiter in die Holzwerkstatt, in der ein Mitarbeiter gerade einen antiken Holzkasten restauriert und mit der Standsäge schnörkelige Ornamente aus einem Stück Holz ausschneidet. Der Verein finanziert sich durch Kundinnenaufträge und die Restauration alter Möbelstücke. 

Als wir an Roberts Büro angekommen sind, erklärt er mir gerade, was anti-psychiatrische Tätigkeit bedeutet, spricht über Franco Basaglia, einen Psychologen, der in den Siebzigerjahren die Abschaffung der psychiatrischen Anstalten in Italien durchsetzte, und erzählt die Geschichte des autonomen und selbstorganisierten Kaffehauses, das es einmal auf dem Klinikgelände gab.

Ich interessiere mich für diesen Ort, habe noch vor dem Umzug des Kollektiv Kaorle in den Pavillon 21 versucht, die Geschichte besser zu begreifen, habe mir die Ausstellung im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes im Pavillon 15 angesehen, gelesen und eine Führung über das Gelände mitgemacht und trotzdem habe ich das Gefühl, heute mehr verknüpft und verstanden zu haben als durch all die Informationen und Dokumentationen davor. Wieder denke ich an das Buch und das „Bescheidene Museumsmanifest“. Das Museum der Unschuld ist ein Roman und ein Museum in Istanbul. Im Roman sammelt die Hauptfigur alltägliche kleine Gegenstände, um sich in der Zukunft an das Jetzt zu erinnern. Das Museum ist eine Galerie voll Schaukästen, gefüllt mit diesen Artefakten, die von vergangenen Szenen erzählen. Durch Persönliches wird nicht nur eine individuelle Geschichte erzählt, sondern auch die gesellschaftlichen Umstände, in denen sich diese Geschichte abspielt, übertragen. 

Aus dem Manifest:

1. In Museen, die (…) aus kaiserlichen oder königlichen Palästen entstanden sind (…) wird die Geschichte eines ganzen Volkes weit über die Geschichte des Einzelnen gestellt. Dabei ist der die Einzelne zur Darstellung wahren Menschentums besser geeignet.

4. Es geht nicht darum, zu zeigen, wie die Geschichte und die Kultur Chinas, Indiens, Mexikos (…) sind. (…) Viel anspruchsvoller ist es, in Museen auf ähnlich gehaltvolle, kraftvolle und intensive Weise die Geschichte einzelner Menschen abzubilden, die heute in diesen Ländern leben.

Das Manifest endet mit einem kleinen Diagramm:

Wie es bisher ist       Wie es sein soll

Epen——————————————Romane

Darstellung————————————Ausdruck

Gebäudedenkmäler—————— Häuser und Wohnungen

Historie————————————Geschichten

Nation—————————————Menschen

Gruppen—————————————Individuen

Groß und teuer ————————— Klein und billig

und ich denke, bei Punkt drei sollte wohl „Häuser, Wohnungen und Werkstätten“ stehen.

Am Ende unseres Spaziergangs frage ich, wie sich die ganze Veränderung hier auf dem Gelände anfühlt. – „Eigenartig“, überlegt Robert, aber er fügt hinzu, dass er ein Fantast sei, der gerne an große Projekte glaubt: Donauinsel, Stadtbahnbögen, Donaukanal. Wieso kann das hier nicht ein genauso tolles Projekt werden. Er hoffe nur, in diesem neuen Projekt bliebe auch ein Platz für die Modellbauwerkstatt. Derzeit besteht diese Chance noch nicht. 

Ich habe nicht den Eindruck, dass dieser Verein ein Ort ist, an dem man sich vor Veränderungen scheut. Im Gegenteil, der Verein hat sich in den letzten 35 Jahren ständig verändert und alles um ihn herum noch mehr. Nur denke ich, dass es in Momenten der Veränderung besonders wichtig ist, Vergangenes nicht zu kondensieren oder in sterilen Ausstellungsformaten zu dokumentieren, sondern menschliche und empathische Verbindungen dazu herzustellen, damit sich die Geschichte weiter- und nicht überschreibt. Denn die hat einen Stellenwert und im Moment ist das vor allem vertreten durch die Modellwerkstatt am Steinhof. Die Regale liegen voll davon.

Foto einer Buchseite mit Schattenspiel - das  Manifest als Diagramm
Das Manifest als kleines Diagramm © Paulina Sycha

Quellen:

Orhan Pamuk. Der Trost der Dinge, Hanser Verlag, 2024 

Archivmeldung der Rathauskorrespondenz vom 08.10.1997:

https://presse.wien.gv.at/presse/1997/10/08/rieder-90-jahre-psychiatrisches-krankenhaus-baumgartner-hoehe?utm_source=chatgpt.com