Erinnerung im Gebrauch: Das Otto Wagner Areal zwischen Nutzen und Gedenken

Täglich gehen wir an historischen Fassaden vorbei oder spazieren auf gepflasterten Straßen. Selbst unser Zuhause wurde zuvor von anderen Menschen bewohnt. Wie oft fragen wir uns dabei: Wer hat hier einmal gelebt? Unter welchen Bedingungen? Auf dem Otto Wagner Areal treten diese Fragen in den Vordergrund.
Das Otto Wagner Areal (OWA) wurde 1907 als „Niederösterreichische Landes-Heil- und Pflegeanstalt für Geistes- und Nervenkranke" eröffnet (Gedenkstätte Steinhof o.J.-a). Den wohl dunkelsten Abschnitt in der Geschichte des Geländes stellen die Jahre 1938–45 dar. Mindestens 7.500 Patient:innen auf dem Areal wurden Opfer der NS-Tötungsmedizin. In der „Kinderfachabteilung Am Spiegelgrund" kamen etwa 800 Kinder ums Leben, deren sterbliche Überreste bis in die 1980er Jahre für medizinische Forschung genutzt wurden (Gedenkstätte Steinhof o.J.-b).
Verändert sich die Wahrnehmung eines Ortes stark, kann dies zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dessen Vergangenheit führen. Dabei werden die Schwerpunkte des Erinnerns neu ausgehandelt (Assmann 1992, zit. nach Hubner 2023, 150). Mit dem Abzug der Klinik Penzing veränderte sich die Art des Erlebens auf dem OWA. Der Krankenhausalltag ist verschwunden, stattdessen treffen hier Bewohner:innen, Initiativen, Institutionen und Zwischennutzer:innen aufeinander, die eigene Fragen und Emotionen mitbringen. Erinnerung liegt dabei nicht in den Gebäuden selbst, sondern entsteht im Umgang der Menschen mit den materiellen Spuren der Geschichte. Erinnerungsforschung nimmt vor allem die soziale Praxis des Erinnerns in den Blick und versucht herauszufinden, wie „historische Spuren als Zeugen der Vergangenheit kontextualisiert werden" (Maus und Petermann 2019, 4).
Im Sommersemester 2026 haben meine Forschungspartnerinnen und ich auf dem OWA ethnographisch gearbeitet. Uns interessierte, wie Menschen mit den materiellen Spuren der NS-Geschichte umgehen und welchen Platz sie diesen in ihrem Alltag geben. Wir haben Interviews geführt, an verschiedenen Rundgängen und Veranstaltungen teilgenommen und Fotos diskutiert. Dieser Beitrag zeigt an zwei Gebäuden, welche Formen gelebte Erinnerung annehmen kann.
Pavillon 23 wurde im Laufe seiner Geschichte für unterschiedliche Formen der Verwahrung und Disziplinierung genutzt. 1941 wurde das Gebäude zur „Arbeitsanstalt für asoziale Frauen und Mädchen" (NS-Begriff) umfunktioniert. Der Alltag in der bis zu 18 Monate langen Haft bestand aus schwerer Zwangsarbeit, Demütigung und Misshandlung (Czech 2015, 192). Bis mindestens 2019 wurde Pavillon 23 als forensische Akutpsychiatrie genutzt (Krutzler 2019). Das Gebäude wurde durch die GESIBA als Teil des mittlerweile abgeschlossenen Projekts „Wohnen im Denkmal" zu Mietwohnungen umgebaut (GESIBA o.J.).
In einem Interview im Frühjahr 2026 erzählte uns eine Bewohnerin des Pavillon 23 von ihrem Einzug und dem Umgang mit der Geschichte des Gebäudes. Nach der Schlüsselübergabe im vergangenen Winter war die frühere Nutzung noch präsent: weiße Wände und sterile Böden. Die Bewohnerin erinnert sich: „Es sind am Anfang auch da noch die Kameras überall gehangen [...] man hat das Gefängnis schon noch gespürt" (Interview vom 11.05.2026). Die Räumlichkeiten mit persönlichen Gegenständen und Erinnerungsstücken zu füllen und wohnlich zu gestalten, war ein wesentlicher Bestandteil des Ankommens auf dem OWA. Auch Spaziergänge auf dem nur teilweise beleuchteten Areal und das Interesse daran, was sich hinter den Mauern der Pavillons verbirgt, gehörten zu diesem Prozess. In Eigeninitiative recherchierten sie und andere Bewohner:innen zur Geschichte des Pavillon 23. Beim Einzug segnete eine befreundete Diakonin die Wohnung. Dabei gedachten die beiden auch jenen, die hier zuvor untergebracht waren. Die Gestaltung ihres Gartens in einem der von hohen Mauern umschlossenen Höfe ist ihr wichtig. Sie beschreibt den Kontakt mit der Natur als Teil eines Heilungsprozesses.
In diesem Fall erfolgte die Aneignung des Gebäudes nicht durch ein Vergessen seiner Geschichte, sondern durch die aktive Auseinandersetzung mit ihr. Im Pavillon 23 zu wohnen verbindet Erinnerung an vergangenes Unrecht mit dem Versuch, dem Ort neue Bedeutungen zuzuschreiben.
Die Dissonanz zwischen äußerlicher Schönheit und unsichtbarem Grauen, wie sie Julia Dorninger in ihrem Beitrag zu den Kaorle-Briefen beschreibt, war auch in unserer Forschung wiederkehrendes Thema (Dorninger 2026). In Zusammenarbeit mit dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes haben wir die Teilnehmenden eines Gedenkrundgangs gebeten, Fotos von Orten auf dem Areal zu machen, die sie emotional berühren. Im Anschluss wurden die Bilder in der Gruppe besprochen. Während andere Orte auf dem Areal als ruhig und idyllisch wahrgenommen wurden, beschrieben Teilnehmende die Pathologie als beklemmend. Es wurde diskutiert, dass die Pathologie mit dem Lebensende in Verbindung steht und dass das Nichtwissen darüber, wie der Arbeitsalltag dort aussah, Raum für Unsicherheit und beklemmende Vorstellungen lässt. Die Pathologie auf dem OWA ist zudem mit einer besonders sensiblen Geschichte verbunden. Bereits im Zuge der Umnutzungsplanungen 2013 wurde die zukünftige Funktion der Pathologie diskutiert. Die angedachte Nutzung als Kindergarten erschien der Kunsthistorikerin Sabine Plakolm „als Fund- und Lagerort der getöteten Kinder vom Spiegelgrund problematisch" (Plakolm 2013, 7). Sinnvoller erscheint ihr eine Nutzung als Gedenkstätte, Archiv oder Bibliothek (ebd.). Ob die Pathologie als beklemmendes Relikt, zukünftiger Kindergarten oder Gedenkstätte wahrgenommen wird, hängt davon ab, wie die Beteiligten die materiellen Spuren der Gebäude im Hier und Jetzt mit Sinn füllen.
Pavillon 23 und die Pathologie stehen für zwei Arten des Umgangs mit der Vergangenheit. Aus der forensischen Psychiatrie wurde Wohnraum. Spuren der Vergangenheit, wie die hohen Gartenmauern, sind noch vorhanden, erfüllen aber einen anderen Zweck. Die Pathologie begegnet uns beinahe unverändert. Ihre zukünftige Funktion bleibt offen (OWA-Wien o.J.).
Historische Gebäude werfen nicht von selbst Fragen nach ihrer Vergangenheit auf. Erst wenn Menschen sich für sie interessieren, ihre Geschichte recherchieren, ihre Atmosphäre wahrnehmen oder über ihre zukünftige Nutzung diskutieren, werden sie zu Orten der Erinnerung. Dabei zeigt das Beispiel des Pavillon 23, dass sich Erinnerung und Umnutzung nicht im Weg stehen müssen. Die Beispiele der Pathologie und des Pavillon 23 verdeutlichen, dass Geschichte auf dem OWA nicht in konservierter Form vorliegt, sondern durch alltägliche Praktiken, Erinnerungsarbeit und Aushandlungsprozesse fortwährend hergestellt wird. Wer hier einmal gelebt hat und unter welchen Bedingungen, erfahren wir nur, wenn jemand fragt.
Referenzliste
Czech, Herwig. 2015. „Die Anstalt Am Steinhof als Ort von Medizinverbrechen im Nationalsozialismus." In Die Stadt außerhalb: zur Architektur der ehemaligen Niederösterreichischen Landes-Heil- und Pflegeanstalten für Geistes- und Nervenkranke Am Steinhof in Wien, hg. von Caroline Jäger-Klein, Sabine Plakolm-Forsthuber und Wolfgang Thaler, 187–198. Basel: Birkhäuser.
Dorninger, Julia. 2026. „Unheimliche Idylle." Kollektiv Kaorle. Zugegriffen am 19. Oktober 2026. https://kollektiv-kaorle.at/de/posts/unheimliche-idylle
Gedenkstätte Steinhof. o.J.-a. „Vom Narrenturm zum Steinhof." Zugegriffen am 15. Oktober 2026. https://www.gedenkstaettesteinhof.at/de/ausstellung/01-vom-narrenturm-zum-steinhof
Gedenkstätte Steinhof. o.J.-b. „Wien Steinhof." Zugegriffen am 15. Oktober 2026. https://www.gedenkstaettesteinhof.at
GESIBA. o.J. „Wohnen im Denkmal – GESIBA – Projekt fertiggestellt und übergeben." Zugegriffen am 25. Oktober 2026. https://www.gesiba.at/news/wohnen-im-denkmal-gesiba-projekt-fertiggestellt-und-übergeben
Hubner, Elena. 2023. „Was sind kulturelle Gedächtnisräume? Erinnern, Raum und das kulturelle Gedächtnis nach Aleida und Jan Assmann." Geographica Helvetica 78 (1): 143–155. https://doi.org/10.5194/gh-78-143-2023
Krutzler, David. 2019. „Wiens einzige Häftlingspsychiatrie bleibt im Otto-Wagner-Spital." Der Standard, 28. Januar 2019. Zugegriffen am 25. Oktober 2026. https://www.derstandard.at/story/2000097146324/wiens-einzige-haeftlingspsychiatrie-bleibt-im-otto-wagner-spital
Maus, Gunnar, und Sandra Petermann. 2019. „Erinnerungen, Spuren, Orte: Beiträge zur geographischen Erinnerungsforschung." Geographische Zeitschrift 107 (1): 2–12. https://doi.org/10.25162/gz-2019-0001
OWA-Wien. o.J. „Ehemalige Pathologie." Zugegriffen am 27. Oktober 2026. https://www.owa-wien.at/map?building=building22
Plakolm, Sabine. 2013. „Kunsthistorische Stellungnahme hinsichtlich der beabsichtigten planerischen Eingriffe im Ostareal des Otto-Wagner-Spitals." In Zusammenfassung des Ergebnisses der Beratungen des Expertengremiums Otto-Wagner-Spital und Statements der Expertinnen und Experten, hg. von Stadt Wien, 3. April 2013. Zugegriffen am 15. Oktober 2026. https://www.wien.gv.at/pdf/ma21/otto-wagner-areal-zusammenfassung-expertengremium.pdf
