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Mehr Raum wagen – Entscheidungen bleiben voller Fragen

Widersprüche der Kulturarbeit und wie wir damit umgehen
Koordinations-Team Kollektiv Kaorle · 2026-03-30
Titelbild für Mehr Raum wagen – Entscheidungen bleiben voller Fragen

Liebe Kaorle-Community,

Seitens des OWA wurde uns vor einiger Zeit die Option in Aussicht gestellt, zusätzliche Flächen in einem zweiten Pavillon anzumieten. In Folge haben wir uns im Koordinationsteam in den letzten Wochen intensiv mit einer Frage beschäftigt, die weit über eine bloße Ja-Nein-Entscheidung hinausgeht. Es geht um unsere Zukunft, um das, was Kaorle sein soll und sein kann und darum, wie wir gemeinsam mit den unzähligen Widersprüchen leben, die Kulturarbeit ausmachen.

Die Frage war: Sollen wir als Kollektiv weitere Flächen anmieten?

Nach mehreren Entscheidungsrunden ist unsere Antwort: Ja. Wir haben uns im KonsenT-Verfahren dafür entschieden, in weiterführende Verhandlungen zu gehen – und das bewusst, mit offenem Ausgang, und mit all den Zweifeln, die dazugehören. Mit diesem Text möchten wir euch mitnehmen in diesem Prozess und die Vielschichtigkeit dieser Entscheidung sichtbar machen.

Seit der Gründung unseres Vereins bemühen wir uns aktiv um Raum – das war immer so und wird immer so sein. Und dennoch ist es das erste Mal, dass uns eine solche Option proaktiv angeboten wird, ohne dass wir sie selbst initiiert hätten. Das Angebot, weitere Raumressourcen zu aktivieren, wurde bereits vor ein paar Monaten an uns herangetragen und hat in den letzten Wochen zu einer deutlichen Intensivierung der laufenden Auseinandersetzung mit unseren Ressourcen im Team geführt.

Ein paar Realitäten, die uns begleiten:

  • Fördergelder werden weniger und unsicherer.

  • Seit Herbst haben wir 1,5 Vollzeitäquivalente ermöglicht – das ist großartig. Diese verteilen sich allerdings auf 7 Personen und das bedeutet, dass der Großteil unserer Arbeit weiterhin ehrenamtlich passiert – mit anhaltend hohem Leistungsdruck.

  • Wir stoßen an Grenzen – finanziell wie personell: Buchhaltung, Rechtliches, PR, Infrastruktur, Hausbetreuung, Mitglieder-Administration, Crew-Care & Awareness… – all das braucht Zeit, Know-how und Kontinuität.

  • Gleichzeitig gibt es dauerhaft eine hohe Nachfrage nach Ateliers und Proberäumen – und Leerstand, der nach Nutzung schreit.

Die eigentlich zentrale Frage, die uns daher umtreibt, ist:
Wie können wir so arbeiten, dass Kaorle nicht ausbrennt und das Kollektiv langfristig weitergeführt werden kann?

Was wir uns erhoffen

Diese Entscheidung ist ein Schritt, unser Projekt weiterzuentwickeln. Mögliche und absehbare Vor- und Nachteile haben wir abgewogen. Im Mittelpunkt steht für uns vor allem mehr Stabilität:

  • Entlastung von Ehrenamt & Annäherung an Fair Pay
    Kulturarbeit soll auch bei uns Wert haben – nicht nur ideell, sondern real. Wir wollen, dass die Menschen, die Kaorle (und damit verbundene Risiken) tragen, für ihre Arbeit wertgeschätzt werden, auch finanziell.

  • Mehr Unabhängigkeit von Förderlogiken
    Das Vermieten von Raum stellt eine Möglichkeit dar, das vorhandene finanzielle Defizit abzufedern, das z.B. durch mehrfache Umzüge, Umbaumaßnahmen und Investitionen in Vereins-Infrastrukturen entstanden ist. Diese Einnahmen stellen keinen Gewinn dar, sie ermöglichen es uns aber, in unsere Zukunft zu investieren und dabei unabhängiger von etwaigen Kürzungen kultureller Budgets zu agieren.

  • Langfristige finanzielle Planbarkeit
    z.B. für Steuerberatung, Aufbau von Rücklagen, Schuldenrückzahlung oder perspektivisch finanzierte Stellen im laufenden Betrieb in Infrastruktur, Buchhaltung, rechtlichen Angelegenheiten oder PR;
    und nicht zuletzt auch für Budgets, die unseren Raum AGs mehr Handlungsspielraum geben.

  • Mehr Raum für Kunst & Kultur
    Mehr Ateliers, mehr Proberäume, ein regerer Betrieb in unseren Werkstätten und Gemeinschaftsräumen und vielleicht ganz andere Überraschungen, die wir uns in Zukunft noch zusammenträumen :)

  • Stärkung des Standings von Kaorle am OWA
    Viele Akteur:innen, wirtschaftliche Tragfähigkeit und einen langen Atem – all das brauchen wir, um Kaorle mittelfristig am OWA-Gelände zu positionieren und uns langfristig im städtischen Kulturbetrieb zu etablieren.

2-geteilstes Bild. Links der leere Balkon des Pavillon 21 in Zentralperspektive. Rechts eine Person die eine Gipskartonwand abbricht
© Agnes Tatzber

Kulturarbeit als gelebter Widerspruch

Genauso offen wollen und müssen wir über die Sorgen und Fragen sprechen, die bei der Entscheidungsfindung eine große Rolle gespielt haben und auch die weitere Prozessplanung und -gestaltung begleiten werden:

  • Die Aktivierungsphase ist punktuell stressig für alle, die sich einbringen und ist auch für das Team als Ganzes spürbar. Wie bündeln wir unsere Ressourcen sinnvoll, ohne dass andere Prozesse darunter leiden?

  • Ein zweites Haus ist sowohl konzeptionell als auch in der praktischen Umsetzung herausfordernd, denn mehr Räume bedeuten auch mehr Infrastruktur, mehr Koordination, mehr Verantwortung. Wie schaffen wir Verbindung, um auch unter diesen neuen räumlichen Gegebenheiten unseren familiären Charakter zu erhalten? Wie groß wollen und können wir eigentlich werden? Und (wie) funktionieren unsere Konzepte bei stetig steigenden Mitgliederzahlen?

  • Politische Fragen sind (auch unabhängig von dieser Entscheidung) zunehmend relevant. So geht es ganz grundsätzlich um die Frage, welche Rolle wir in der Entwicklung des Otto-Wagner-Areals einnehmen (wollen) und wie wir verhindern, selbst Teil von Aufwertungs- und Verdrängungslogiken zu werden. Wie können wir Räume nutzen und öffnen, ohne sie als bloßes Mittel zur Imageproduktion oder Standortaufwertung verfügbar zu machen? Wie bleiben wir kritisch gegenüber den Rahmenbedingungen, in denen wir arbeiten?

  • Beteiligung verstehen wir dabei nicht als Einladung zu einem fertigen Programm, sondern als gemeinsamen Aushandlungsprozess über Inhalte, Zugänge und Prioritäten. Wen erreichen unsere Angebote tatsächlich und wen (noch) nicht? Wie können wir lokale Akteur:innen, Nachbar:innen, informelle Initiativen und insbesondere marginalisierte Gruppen aktiv in die Gestaltung und Nutzung der Räume einbeziehen, anstatt ungewollt neue Ausschlüsse zu produzieren?

  • Und nicht zuletzt: Was passiert, wenn unsere Mietverhältnisse irgendwann enden? Wie gehen wir mit der Prekarität von Zwischennutzung um, ohne sie zu normalisieren und wie schaffen wir es, aus dieser Unsicherheit heraus dennoch langfristige, solidarische und widerständige Praktiken zu entwickeln?

Person arbeitet vor hellem Fenster an einem Tisch
© Agnes Tatzber

Diese Fragen haben kein endgültiges Häkchen und das ist okay. Sie formen den Prozess und ihre Beantwortung ist Teil davon.

Die Sorge vor Kommerzialisierung ist tief im Kulturdiskurs verwurzelt. Aber wie Sabine Benzer schreibt: “Widersprüche machen Kulturarbeit aus.” Die Frage ist nicht, ob wir wirtschaftlich denken – sondern wofür wir es tun. Kaorle kann und wird sich nicht „bereichern“ – als gemeinnütziger Verein dürfen wir keinen Gewinn erwirtschaften. Einnahmen dienen der Deckung realer Kosten, dem Abbau von Schulden und der Investition in eine nachhaltige Struktur. Wachstum und Professionalisierung sind legitime Ziele, solange sie unseren kulturellen Werten dienen und nicht umgekehrt. Wirtschaftliches Denken ist hier kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, um Räume der Solidarität, Selbstorganisation und Teilhabe langfristig abzusichern.

Wie wir zu dieser Entscheidung gekommen sind

In Citizen Professional steht ein Satz, der uns begleitet: “Because we looked at the stranger next to us and found something to carry forward together.”

Wir glauben an die Kraft von Ideen, die in Gemeinschaften entstehen und wachsen. Kollektivität zeigt sich als wiederholte Entscheidung, den Weg nicht alleine zu gehen, als Bereitschaft, Uneindeutigkeit auszuhalten und Unstimmigkeiten auszutragen.  Diese Entscheidung haben wir in mehreren Runden nach dem KonsenT-Prinzip getroffen.
Das bedeutet:

  • Es musste kein KonsenS im Sinne von begeisterter Zu- oder Übereinstimmung herrschen.

  • Es durfte Enthaltungen und Grenzen geben, Zweifel wurden besprochen

  • Am Ende des Prozesses mussten alle Veti und schweren Bedenken geklärt sein, um eine Entscheidung treffen zu können

Das Ergebnis: Wir fühlen uns als Team sicher genug, um den Vorschlag auszuprobieren.

Kaorle ist kein fertiges Projekt, sondern ein Versuch, gemeinsam einen Ort zu erschaffen. Einen Ort, der sich durch die Arbeit von Freund:innenschaft auszeichnet; durch das Vertrauen, dass wir zusammen etwas tragen können, das keine:r von uns alleine schaffen würde.

Alle im Team tragen die Entscheidung mit; einige arbeiten aktiv an der Umsetzung, andere halten sich bewusst raus, wieder andere enthalten sich – all das hat im Prozess Platz. Niemand muss über eigene Ressourcen oder Überzeugungen gehen. Diese Entscheidung ist kein Endpunkt. Sie ist ein bewusster Schritt mit offenem Ausgang. Und wenn wir merken, dass sich Kaorle in eine Richtung entwickelt, die wir nicht wollen, dürfen und werden wir den Kurs ändern.

Michael Sorkin schrieb, dass die Stadt das größte kollektive Kunstwerk ist, das je erdacht wurde. Kaorle ist unser kleiner Beitrag zu diesem Kunstwerk. Man wird Teil von etwas, das meist in Bewegung ist. Ein besonderes Willkommen gilt allen, die neu zu uns gestoßen sind – als Mitglieder, als Ateliernutzer:innen oder einfach als Neugierige, die sich noch orientieren. Wir freuen uns, dass ihr da seid – und laden euch ein, diesen Ort von Anfang an mitzugestalten, nicht nur zu nutzen. Danke, dass ihr Teil dieses kollektiven Experiments seid – und sie mit all euren Fragen, Sorgen, Ideen und eurer Geduld mitgestaltet. Meldet euch auch in dieser Angelegenheit gerne per Mail bei uns oder kommt direkt auf uns zu.

Wir bleiben im Gespräch. 🤍

Euer
Kollektiv Kaorle

Räume in der Zwischennutzung. Alte Kinosessel an den Wänden.
© Agnes Tatzber