Kaorle Figur

Die unheimliche Idylle des Otto Wagner Areals

Eine künstlerische Spurensuche
Julia Dorninger · 2026-07-11
Titelbild für Die unheimliche Idylle des Otto Wagner Areals

Die Krise der stabilen Lesbarkeit

Das Otto Wagner Areal, naturräumlich in die westlichen Ausläufer des Biosphärenparks Wienerwald eingebettet, ist ein bedeutendes Jugendstilensemble, dessen Schönheit jedoch untrennbar mit den dunklen Schatten seiner NS-Vergangenheit verbunden bleibt. Die idyllische Atmosphäre im Areal kollidiert mit dem historischen Wissen um die nationalsozialistischen Medizinverbrechen, bei denen über 7.500 Menschen ermordet wurden. Ein unauflösliches Spannungsfeld schreibt sich in die Architektur und die Landschaft ein: Das Sichtbare und das Unsichtbare koexistieren. Ereignis und gegenwärtige Erscheinung, Geschichte und situative Erfahrung stehen scheinbar im Widerspruch und entziehen dem Otto Wagner Areal dadurch seine stabile Lesbarkeit. Die Vielschichtigkeit und Komplexität des Ortes ergeben sich nicht zuletzt über die Heterogenität an Funktionen, die er in sich trägt - als Wissenschaftsort, Ausbildungsort, Kreativort, Begegnungsort, Freizeitort, Tourismusort, Zukunftsort und Erinnerungsort.

Archäologie der Ambivalenz

Die Wahrnehmung des Otto Wagner Areals ist durch einen radikalen Gleichklang von vermeintlicher Unvereinbarkeit geprägt. Im Sinne Karl Schlögels lässt sich das Gebäude als ein historisches Palimpsest verstehen, dessen unterschiedliche Schichten eine permanente Dissonanz erzeugen (vgl. Schlögel 2025, S.107). Die im Pavillonsystem von Otto Wagner 1902-1907 entworfene Anlage zur stationären Pflege und Heilung psychisch Erkrankter trägt die systematische Gewalt während der NS-Zeit in sich und wird dadurch tiefgreifend und dauerhaft transformiert. Heute steht der Ort im produktiven Spannungsfeld zwischen historischer Verantwortung und einer visionären Zukunft.

In der geschichtlichen Erzählung beanspruchen derartige historische Schichten das Primat der Zeitlichkeit und Linearität, der konkrete Ort jedoch birgt ihre Koexistenzialität und Simultanität.

Um die individuellen und kollektiven Narrative, die das Otto Wagner Areal prägen, zu erfassen, und um die komplexen Beziehungen, die sich in den Raum einschreiben oder schon längst eingeschrieben haben, zu begreifen, bedarf es alternativer Erzähl- und Darstellungsformen. Hier kann die Kunst ihren Beitrag leisten, indem sie prozessorientiert, nonverbal und nicht linear agiert.

Zeichnen als epistemische Praxis

Die Institutionalisierung von Erinnerung, wie sie durch die hervorragende und unverzichtbare Arbeit des DÖW in der Dauerausstellung oder durch die bestehenden Mahnmale am Areal geleistet wird, ist das unumstößliche Fundament jeglicher Aufarbeitung. Sie liefert die historischen Fakten, archiviert die Dokumente und sichert das Wissen. In Anlehnung an Aleida Assmann werden diese Orte zum kollektiven Funktionsgedächtnis (vgl. Assmann, 1999/2010, S. 130 ff.).

Dennoch wirft diese museale und monumentale Fixierung phänomenologische Fragen auf: Wie entsteht eine Verbindung zwischen kollektiver und individueller Erinnerungsarbeit, damit das Funktionsgedächtnis im Sinne von Assmann aktiv bleibt? Wodurch lassen sich Erfahrungen über die punktuellen, klar abgegrenzten Gedenkorte hinaus in den gesamten, lebendigen Raum tragen? 

Hier setzen das künstlerische Tun und der Prozess des situativen Zeichnens als epistemische Praxis an, um eine Brücke zwischen historischem Wissen und leiblicher Erfahrung, zwischen individueller und kollektiver Erinnerung zu schlagen und die Intensität des sinnlichen Erlebens zu verstärken. Über künstlerisches Handeln direkt vor Ort wird ein Gefühl der Involviertheit evoziert, das die rein kognitive Erfassung historischen Wissens in eine persönliche Auseinandersetzung und Aneignung überführt (vgl. Assmann, 1999/2010, S. 331). Während Ausstellungen und Denkmäler das Wissen oft ästhetisieren oder objektivieren, holt der zeichnerische Akt dieses Wissen zurück in die subjektive, leibliche Erfahrung des Hier und Jetzt.

Der unsichtbare Tatort

Mit Blick auf phänomenologische Ansätze, wie etwa bei Gernot Böhme (vgl. Böhme, 1995/2019, S.34), ließe sich erwarten, dass ein belasteter Ort wie das Otto Wagner Areal über eine Atmosphäre verfügt, die das Grauen transportiert und erfahrbar macht. Doch die bauliche und naturräumliche Idylle unterläuft diese Annahme. Nicht eine spürbare Verdichtung von Vergangenheit kennzeichnet den Ort, sondern ihre Abwesenheit. Diese Diskrepanz lässt sich über Martin Pollacks Begriff der kontaminierten Landschaften fassen (vgl. Pollack, 2014, S.20). Im Otto Wagner Areal hat die nationalsozialistische Tötungsmedizin keine unmittelbaren, materiellen Spuren hinterlassen. Baustrukturen scheinen intakt. Flora und Fauna sind zu Komplizinnen geworden und machen die Verbrechen im Raum nahezu unsichtbar.

drawing Julia Dorninger
© Julia Dorninger

 

Protokoll 1: Schattenzeichnung (04.06.2026, 16:53, 48.20842, 16.27475)

Ich stehe unter der stämmigen alten Fichte in dem Wäldchen. Es ist ein stiller, friedlicher Ort. Insekten schwirren in der milden Abendluft und Vögel beginnen ihr allabendliches Konzert. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages blitzen immer wieder durch die Äste, deren Zweige tief zu Boden hängen. An dieser Stelle haben unzählige vertrocknete Nadeln und Tannenzapfen die Wiese in sich aufgesogen. Es riecht nach Harz.

Auf dem weißen Papier zeichnen sich flirrende Schatten ab. Ich beginne, diese mit Tusche nachzuzeichnen. Eine Ameise kriecht über die Linien. Der Wind lässt die Schatten tanzen. Immer wieder muss ich meine Zeichnung korrigieren. Der Tag neigt sich dem Ende zu. Bald ist das ephemere Schauspiel vorüber und die Schatten verschwinden. Ich arbeite schneller, meine Linien werden impulsiver. Der Wald schenkt mir Nadeln, Zweige und Zapfen, die ich in Tusche tauche und zum Zeichnen verwende. Sie haben ein Eigenleben und hinterlassen unerwartete Spuren auf dem Papier.

Das Unheimliche als atmosphärisches Kippmoment

Bei Betreten des Areals steht das phänomenologische Erleben, also die sinnliche, leibliche Erfahrung vor Ort, im Vordergrund. Zunächst nimmt man nur die liebliche Idylle wahr: Blühende Obstbaumwiesen, duftende Wildblumen und majestätische Schwarzföhren umspielen sanft die Jugendstilpavillons und geleiten bis hinauf zu der architektonisch beeindruckenden Kirche, die mit ihrer goldenen Kuppel von weitem sichtbar ist. Doch irgendwo, diffus und nicht wirklich greifbar, schlummert im eigenen Bewusstsein auch das unumstößliche, historische Wissen um die Gräueltaten der NS-Euthanasie, distanziert von der situativen Wahrnehmung. Diese wird erst in der Verknüpfung mit dem realen Ort zu einer aktiven Erinnerung und rationale Informationen wandeln sich plötzlich in körperliches Erleben.

Es bricht wie ein Keil in die sinnliche Wahrnehmung ein und befällt diese anhaltend. Das Erleben kippt in Unheimliches. Die Rufe der Krähen klingen plötzlich wie Mahnungen. Das Rascheln der Blätter wird zum Flüstern aus der Vergangenheit.

drawing by Julia Dorninger
© Julia Dorninger

Protokoll 2: Frottage (04.06.2026, 17:44, 48.20837, 16.27515)

Ich stehe an der alten Mauer. Die raue Kiesbetonoberfläche ist überzogen von einem Gewirr aus morschen Efeuzweigen. Die Schatten der Zweige der alten Schwarzkiefer bewegen sich an der Mauer wie Bilder auf einer Kinoleinwand.

Ich drücke mein Papier fest an die Wand und beginne, mit einem großen Stück Grafit zu reiben. Das Mauerwerk leistet Widerstand. Kieselsteine drücken sich durch und fangen an, am Papier hin und her zu tanzen. Äste zeichnen sich ab, feine Linien, die abrupt enden. An unebenen Stellen der Mauer drückt sich der Stift fest in das Papier ein und es droht zu reißen. Mein Arm beginnt zu schmerzen und mit aller Kraft versuche ich, das Papier an der Mauer zu halten. Immer wieder rutscht es ein Stückchen tiefer oder wird mir vom Wind entrissen. Ich greife zum Radiergummi, versuche, Teile meiner Frottage wieder zu löschen. Linien verschmieren, werden unscharf, verschwinden. Es entstehen Brüche und Leerstellen am Papier.

Erinnerung als prozessualer Bruch

Über künstlerisches Handeln vor Ort wird das Otto Wagner Areal zu einem dynamischen Beziehungsgeflecht, die Zeichnungen werden zum Ausdruck des Zustands einer permanenten, beklemmenden Unruhe. Auf dem Papier manifestieren sich Notationen von räumlichen Erfahrungen, welche die verschiedenen Bedeutungsebenen des Areals in einer nicht starren Abfolge wiedergeben. Die Zeichnungen zeigen eine permanente, oszillierende Spannung zwischen den unterschiedlichen Schichten. Das dialektische Verhältnis zwischen Idylle und Trauma verläuft pulsierend.

Erinnerung ist keine bestimmten Orten zuschreibbare Eigenschaft. Sie ist weder per se im Raum gespeichert noch unmittelbar abrufbar. Vielmehr entsteht sie im dynamischen Zusammenspiel von historischem Wissen, leiblicher Wahrnehmung und kultureller Rahmung. Das Otto Wagner Areal bleibt in seiner unheimlichen Idylle phänomenologisch unlesbar, wenn man sich allein auf die vordergründige, friedliche Atmosphäre bezieht.

Erst die künstlerische Praxis, das Zeichnen als epistemisches, prozessuales Bruchmoment, legt die kontaminierten Bedeutungsschichten frei. In Ergänzung zu einer institutionellen Aufarbeitung verwehrt die Zeichnung die Harmonie aus Natur und Architektur und zwingt dazu, die produktive Dissonanz des Ortes physisch und intellektuell auszuloten.

drawing by Julia Dorninger
© Julia Dorninger

Bio
Julia Dorninger lebt und arbeitet in Wien und Bad Leonfelden (OÖ). Seit 2022 untersucht die Künstlerin in ihrem fortlaufenden Projekt „(Re)mapping traumatized landscapes“, welchen Beitrag künstlerische Prozesse und die damit verbundene Generierung von verkörpertem Raumwissen in Hinblick auf die Auseinandersetzung und den Umgang mit traumatisierten Orten leisten können. Im Zentrum ihrer künstlerischen Praxis stehen dabei das Aufspüren, Befragen und Sichtbarmachen verborgener und unsichtbarer Topografien der Gewalt im Kontext von Trauma und Verdrängung. Dabei geht es auch um die Erforschung von Ambiguität in der individuellen und kollektiven Erinnerung.

Literatur- und Quellenverzeichnis

Assmann, Aleida (1999/2010): Erinnerungsräume: Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. München: C.H. Beck.

Böhme, Gernot (1995/2019): Atmosphäre: Essays zur neuen Ästhetik. Berlin: Suhrkamp Verlag.

Czech, Herwig / Neugebauer, Wolfgang / Schwarz, Peter (2019): Der Krieg gegen die „Minderwertigen“. Zur Geschichte der NS-Medizin in Wien. Katalog zur Ausstellung in der Gedenkstätte Steinhof, herausgegeben vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW), Wien.

Jäger-Klein, Caroline / Plakolm-Forsthuber, Sabine (2015): Die Stadt außerhalb. Basel: Birkhäuser Basel.

Pollack, Martin (2014): Kontaminierte Landschaften. St. Pölten / Salzburg/ Wien: Residenz Verlag.

Schlögel, Karl (2025): Auf der Sandbank der Zeit. München: Carl Hanser Verlag.

Verzeichnis der Primärquellen (Künstlerische Praxis)

Dorninger, Julia (2026): Die unheimliche Idylle des Otto Wagner Areals: Eine künstlerische Spurensuche. Entstanden im Rahmen der künstlerischen Feldforschungen vor Ort (Wien, Baumgartner Höhe, 2026).

Protokolle

Protokoll I: Schattenzeichnung (04.06.2026, 16:53, 48.20842, 16.27475)

Protokoll II: Frottage (04.06.2026, 17:44, 48.20837, 16.27515 

Abbildungen

Abb. 1: Julia Dorninger, Unheimliche Idylle (04062026 I 16:12), 2026 I Tusche, Grafit, Fichtennadeln, Zweige auf Papier, 42 x 59,4 cm

Abb. 2: Julia Dorninger, Unheimliche Idylle (04062026 I 16:53), 2026 I Tusche auf Papier, 42 x 59,4 cm

Abb. 3: Julia Dorninger, Unheimliche Idylle (04062026 I 17:44), 2026 I Grafit auf Papier, 42 x 59,4 cm (Ausschnitt)

Abb. 4: Julia Dorninger, Unheimliche Idylle (03062026 I 11:35), 2026 I Farbstift, Rinde, Regen auf Papier, 42 x 59,4 cm

Alle Abbildungen © Julia Dorninger, Bildrecht Wien